blauer fisch

Diesen blauen Fisch habe ich als Kind Mitte der 1970er Jahre selbst angefertigt. Er ist aus einer jener Bastelkneten modelliert, die man nach dem Formen in einem normalen Backofen steinhart brennen kann. Er entstand während einer Projektwoche in der Gemeinde in Hamburg-Langenhorn, wo meine Schwester und ich in den Kindergarten gingen, im Blockflötenkreis spielten und später Konfirmandenunterricht hatten. In meiner Grundschulzeit gab es in dieser Gemeinde in den Hamburger Schulferien eine „Kinder-Bibel-Bastel-Spiel-Woche“, kurz „Ki-Bi-Ba-Spi-Woche“. An dieser Ki-Bi-Ba-Spi-Woche habe ich vermutlich nicht mehr als zwei oder drei Mal teilgenommen, aber in meiner Erinnerung habe ich mich unendliche Male auf diese Woche gefreut und die Tage in der Kirche unendliche Male genossen.

Jede Ki-Bi-Ba-Spi-Woche war einer biblischen Geschichte gewidmet. In dem Jahr, in dem der Fisch entstand, war das Thema „Jona und der Wal“. Ziemlich am Anfang der Woche formte jedes Kind einen Fisch, der dann über Nacht gebrannt wurde. Die fertig gebrannten Fische trugen wir alle den Rest der Woche am Lederband um den Hals. Der Höhepunkt der Woche war, dass wir Kinder mit Glasfarben die einzelnen Szenen von Jonas Geschichte auf die bodentiefen Fenster malen durften, die eine ganze Wand des Gottesdienstraums ausmachten. Die Fenster blieben danach für einige Wochen bunt bemalt. So sahen alle Kirchenbesuche die Glasbilder beim Betreten des Kirchengeländes, und die Gemeinde sah die Geschichte jeden Sonntag im Gottesdienst von innen. Einige Jahre später wurde die Ki-Bi-Ba-Spi-Woche eingestellt. Als Grund dafür wurde unter anderem genannt, dass man nicht mehr wollte, dass die Kinder im Gottesdienstraum spielten und die Kirchenfenster bemalten.

Als ich in derselben Gemeinde in den Kindergarten ging, sangen wir oft im Gottesdienstraum, wo auch eine kleine Orgel stand. Einmal fragte die Kantorin kritisch in die singende Runde der Kindergartenkinder: „Wer brummt denn da so?“. Sie identifizierte mich als diejenige, die brummte, und sagte mir, ich solle lieber gar nicht mitsingen. Nach diesem Erlebnis habe ich mich lange Zeit nicht getraut zu singen. Einige Jahre später führten wir mit der Konfirmandengruppe in demselben Raum im Gottesdienst die Geschichte vom Kämmerer aus dem Morgenland auf – „ein Mann aus Äthiopien, ein Kämmerer und Mächtiger am Hof der Kandake, der Königin von Äthiopien, welcher ihren ganzen Schatz verwaltete“. Da ich mir kurz vorher bei einem Fahrradunfall den linken Knöchel gebrochen hatte und deshalb mit zeitweise mit einem Gipsbein im Rollstuhl saß, spielte ich den Kämmerer, und mein Rollstuhl war seine Kutsche. Um die afrikanische Herkunft des Kämmerers für die Zuschauer sichtbar zu machen, schminkte ich mir das Gesicht mit schwarzbrauner Theaterschminke und trug einen Turban. Meine Lieblingszeile aus der entsprechenden Bibelpassage ist bis heute der Abschluss nach der Taufe des Kämmerers: „Er zog aber seine Straße fröhlich“.

Den Fisch habe ich noch lange nach der Ki-Bi-Ba-Spi-Woche beim Indianerspielen verwendet, wobei er als Wunderamulett oder geheimes Erkennungszeichen diente. Indianerspiele faszinierten mich noch als Teenager, vor allem inspiriert durch die Lektüre der Geschichten von Karl May. Um viel lesen zu können, wachte ich eine Zeit lang morgens um 5 Uhr auf und las noch vor der allgemeinen Aufstehzeit der Familie einige Kapitel Karl May – zunächst die Erzählungen über den Wilden Westen, später auch die über die arabische Welt. Als ich dann ab der fünften Klasse mit dem Fahrrad zum Gymnasium fuhr, war mein Fahrrad mein Pferd oder mein Kamel (mit wechselnden Namen und Geheimworten). Um für die jeweils feindlichen Indianer- oder Beduinenstämmen keine eindeutigen Spuren zu hinterlassen, musste ich immer wieder neue Wege durch die Kleingartensiedlungen suchen, die ich auf dem Weg zwischen meinem Elternhaus und der Schule durchquerte. Den blauen Fisch trug ich zu der Zeit schon lange nicht mehr um den Hals.

Vor zwei Jahren im Februar tauchte der Fisch wieder auf, als ich zusammen mit meiner Schwester auf dem Dachboden unseres Elternhauses unsere alten Spielsachen aufräumte. Ich hatte vergessen, dass ich in den Fisch seinerzeit auch meine Initialen geritzt hatte, so dass auf seiner einen Seite AH steht. Die Silbe „āḥ“ ist die mittlere Silbe des Sanskrit-Mantras „oṃ āḥ hūṃ“. Sie steht für den Buddha Amoghasiddhi und – im Kontext des Mantras – für Sprache oder Energie. Der Fisch – eigentlich: zwei goldene Fische – ist eins der acht klassischen buddhistischen Glückssymbole. Mein Sohn ist 2010 im Sternzeichen „Fische“ geboren, und zu seiner Geburt schenkte ihm einer sehr guter Freund aus Bhutan zwei bestickte Kissenbezüge mit dem Glückssymbol der Fische und zwei mit dem Symbol des Sonnenschirms.

In der biblischen Geschichte zieht Jona sich schmollend in die Wüste zurück, nachdem Gott beschlossen hat, die Stadt Ninive doch nicht untergehen zu lassen, weil ihre Einwohner Reue zeigten. Um den eingeschnappten Jona zu belehren, lässt Gott eine Staude über ihn wachsen, die ihm als Sonnenschirm dient – und lässt sie ebenso schnell wieder verdorren. Als Jona sich darüber ärgert, belehrt Gott ihn: „Dich jammert die Staude, um die du dich nicht gemüht hast, hast sie auch nicht aufgezogen, die in einer Nacht ward und in einer Nacht verdarb, und mich sollte nicht jammern Ninive, eine so große Stadt, in der mehr als hundertundzwanzigtausend Menschen sind, die nicht wissen, was rechts oder links ist, dazu auch viele Tiere?“.

Auf der Rückseite hat der blaue Fisch ein paar Kratzer, die vermutlich schon beim Modellieren entstanden sind und in denen sich mit der Zeit etwas Staub angesammelt hat. Wenn ich den Fisch in die Hand nehme, fühlt er sich trotzdem glatt an. Die Aussparung am Fischschwanz ist genau so groß, dass ich meinen Zeigefinger hineinklemmen kann. Als ich den Fisch damals formte, habe ich die Aussparung mit dem Daumen in die Knetmasse gedrückt. Hinten an der Rückseite des Fisches ist im Gegenlicht auch der Fingerabdruck meines Daumens zu erkennen. Das Lederband, das durch den Kopf des Fisches gezogen ist, ist bis heute nicht brüchig geworden.

„Der Fisch“, zitieren meine Klienten gerne, „stinkt vom Kopf.“